Ciriaco Sforza, einen Tag nach der 0:3-Niederlage im Cup gegen Luzern wollten Sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet keinen Kommentar abgeben. Sie haben auf der Combox ausrichten lassen, dass Sie für sich Klarheit schaffen wollen. Weshalb?
Ich wollte mich einfach sammeln. Ich war natürlich über das Ausscheiden im Cup masslos enttäuscht. Da wollte ich erst mal das Ganze in mir etwas sacken lassen. Manchmal ist es besser, wenn man in den Emotionen mal einen Tag nichts sagt.
Wie ist die 0:3-Niederlage in Luzern überhaupt zustande gekommen?
Wir haben schlecht gespielt. Wir konnten die hervorragende Leistung, die wir beim 2:0-Sieg gegen YB brachten, einfach nicht mehr abrufen.
Woran hat das gelegen?
Das hat selbstverständlich auch an einem sehr starken FC Luzern gelegen. Er hat uns von der ersten Sekunde an unter Druck gesetzt. Bei uns hingegen hat die Aggressivität gefehlt. Ich habe Murat Yakin zur Leistung seiner Mannschaft gratuliert. Der Sieg für Luzern war hochverdient. Das muss man anerkennen.
Der Verwaltungsrat der Grasshoppers hat Ihnen vor einer Woche mitgeteilt, man habe einen Plan B. Wegen des schlechten Verlaufs der Saison würde man für die neue Saison andere Trainer kontaktieren. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Das muss ich akzeptieren, das sind die Mechanismen des Geschäfts. Ich persönlich bin mit dem Verlauf der Saison ja auch überhaupt nicht zufrieden.
Vor dem Spiel gegen YB haben Sie der Mannschaft die Vertrauensfrage gestellt. Weshalb?
Die Spieler haben am Morgen auf der Anfahrt zum Campus am Radio und dann in der Kabine gehört, dass der Verwaltungsrat eine Erklärung abgegeben hat. Sie haben mich gefragt, was überhaupt los sei. Ich habe ihnen die Sachlage erklärt und wollte mit der Vertrauensfrage den Puls in der Mannschaft fühlen. Das Ergebnis ist ja dann mit 18:0 Stimmen einstimmig ausgefallen.
Hat Sie das überrascht?
Nein, nicht im Geringsten. Denn ich persönlich habe nie etwas von einer Antipathie der Spieler gegenüber meiner Person gespürt.
Ihr ehemaliger Teamkollege in der Nationalmannschaft, Alain Sutter, ist bei GC Entscheidungsträger in personellen Fragen. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?
Ich habe mit Alain überhaupt kein Problem. Er ist ein absoluter Profi.
Sie haben die Vertrauensfrage gestellt. Haben Sie nach der Enttäuschung in Luzern und dem Ausscheiden aus dem Cup auch über einen möglichen Rücktritt nachgedacht?
Nein, weshalb sollte ich auch. Ich habe einen Tag nach der Niederlage das Training wieder geleitet. Ich werde mich nicht aus der Verantwortung stehlen. Ich laufe nicht einfach davon. Das habe ich übrigens noch nie gemacht. Ich ziehe das mit GC voll durch.
Sie sind finanziell unabhängig und könnten sich eine Auszeit erlauben. Warum gönnen Sie sich diese nicht?
GC ist für mich nach wie vor eine Herzensangelegenheit. Dieser Verein ist mir sehr wichtig. In diesem Verein habe ich meine fussballerische Karriere lanciert. Ich habe ihm viel zu verdanken. Nein, bei GC werde ich meinen Vertrag erfüllen und nicht einfach den Bettel hinschmeissen.
Sie bleiben also aus Sentimentalitätsgründen?
Im Fussball gibt es keine Sentimentalitäten. Ich bin nach wie vor von der Qualität meiner Mannschaft überzeugt. Und sie steht ja auch voll hinter mir. Wir hatten in den letzten drei Jahren auch viele schöne Erfolge, sind trotz namhafter Abgänge in jeder Saison nie abgestiegen und erreichten im ersten Jahr unter mir auf Rang 3 sogar die Europa League.
Zuletzt gab es aber fast nur noch Niederlagen und herbe Rückschläge. Verliert man da nicht die Lust am Job und die Illusionen?
Nein, Niederlagen gehören doch auch zu einem Lernprozess. Ich habe mit wenigen Ausnahmen eine junge Mannschaft, die aus einer solchen Situation durchaus auch gestärkt herausgehen kann. Sie hat das in der Vergangenheit ja auch schon bewiesen. Die Arbeit mit meinen Spielern macht mir nach wie vor grossen Spass.
Glauben Sie, dass Ihr Team in der Meisterschaft noch einmal den Turnaround schaffen kann?
Davon bin ich überzeugt, ja.
Quelle, Tagesanzeiger Online vom 22.03.2012
