Zweieinhalb Jahre nach seinem Rücktritt gibt Johann Vogel mit bald 35 Jahren ein Comeback bei GC. Kann das gut gehen? Tagesanzeiger.ch sprach mit Experten.
Bevor sich Johann Vogel mit dem damaligen Nationalcoach Köbi Kuhn überwarf, hatte er für die Schweiz 94 Länderspiele absolviert. Er spielte für GC, den PSV Eindhoven, die AC Milan, Betis Sevilla und die Blackburn Rovers. Als Vogel 1992 als 14-Jähriger seine Karriere im Hardturm begann, deutete er sogleich an, was in ihm für ein Potenzial schlummert.
Erich Vogel, damals Sportchef und der Entdecker von Johann Vogel, erinnert sich: «Wir absolvierten in Teheran gegen die iranische Olympiamannschaft ein Testspiel. Als Johann in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, machte er sogleich mit einem Lattenschuss auf sich aufmerksam.» Johann Vogel sei schon mit 14 Jahren sehr selbstbewusst aufgetreten. Danach sei er aber von den Trainern immer wieder auf verschiedenen Positionen hin und her geschoben worden. «Doch dann hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass Johann eine klassische Nummer 6 ist. Auf dieser Position braucht es die spielintelligentesten Spieler. Sie bestimmen den Rhythmus einer Mannschaft», sagt der Experte. Johann Vogel passe geradezu perfekt zu der aktuellen GC-Mannschaft. «GC hat eine sehr laufstarke Mannschaft. Doch was ihr fehlt, ist die Spielintelligenz eines Johann Vogel.»
«Er wird auch die Stärken und Schwächen des Trainers erkennen»
Erich Vogel traut seinem Namensvetter sehr viel zu. «Johann war noch nie ernsthaft verletzt. Ich denke sogar, dass er noch zwei bis drei Jahre bei GC eine zentrale und tragende Rolle spielen kann. Wenn er will, und sein Wille und Ehrgeiz waren schon immer ausgeprägt, dann wird er eine enorme Energie entwickeln und es noch einmal packen.» Johann Vogel sei technisch stark und taktisch schlau. «Kaum einer kann ein Spiel so lesen wie er. Er gewinnt die Zweikämpfe nicht mit Abgrätschen des Gegners oder mit seiner Schnelligkeit. Er gewinnt sie mit seinem Auge. Sein Antizipationsvermögen ist phänomenal», sagt der Experte des Teleclub.
«Johann Vogel wird unbeirrt seinen Weg gehen. Er ist auch psychisch unheimlich stark. Wenn er im Spiel mal einen Fehler machte, hat er sich dadurch nie destabilisieren lassen.» Erich Vogel begrüsst das Comeback. Der ehemalige Sportchef und Vizepräsident der Grasshoppers glaubt aber nicht, dass Johann Vogel demütig ewig dankbar für seine neue Chance sein werde. Für die Verantwortlichen könne er auch ein unbequemer Zeitgenosse werden. «Johann ist eine absolute Persönlichkeit. Er wird auch die Stärken und Schwächen des Trainers und der gesamten Führung erkennen und sie intern auch klar ansprechen», ist er überzeugt. Wenn Johann Vogel etwas mache, dann mache er es fast immer richtig. «Ein Fehler war nur, dass er von Eindhoven zu Milan, dann zu Betis Sevilla und schliesslich noch nach England zu den Blackburn Rovers ging», sagt Vogel. Bei diesen Vereinen habe es einfach nicht gepasst.
«Man sollte das Rad nicht zurückdrehen»
Luzerns Trainer Murat Yakin hat mit Johann Vogel als Spieler die EM 2004 in Portugal bestritten. «Wenn man eine Karriere abgeschlossen hat, sollte man das Rad nicht zurückdrehen. Aber das ist meine persönliche Meinung», sagt der Basler. Offenbar habe Vogel in seiner Karriere doch etwas verpasst. «Darüber dachte er wohl nach und will irgendetwas wiedergutmachen oder nachholen», mutmasst Yakin. Er sei in den letzten Jahren offenbar ins Grübeln gekommen. «Ich weiss nicht, was es ist. Aber es hat ihn beschäftigt, sonst hätte er das nicht gemacht», so Yakin. Er sei gespannt auf das Comeback: «Über die grossen technischen und taktischen Fähigkeiten von Johann gibt es keine Zweifel.»
«Ich frage mich, ob das ein richtiges Signal ist»
Auch FCZ-Sportchef Fredy Bickel begegnet dem Experiment mit Johann Vogel mit Skepsis. «GC bezeichnet und brüstet sich auch als Ausbildungsklub junger Talente. Ich frage mich bloss, ob das ein richtiges Zeichen und Signal ist, wenn man jetzt einen bald 35-jährigen Nachwuchstrainer wieder als Aktiven in die Mannschaft integriert und einsetzt», sagt Bickel. An den Qualitäten von Johann Vogel hat Bickel hingegen überhaupt keine Zweifel. «Ich persönlich traue ihm noch sehr viel zu», sagt der Zürcher. Wenn Vogel den Spielrhythmus wieder gefunden habe, werde er GC noch sehr viel bringen. «Taktisch und technisch ist er geradezu herausragend», sagt Bickel. Und Vogel werde mit seiner Erfahrung auch den Jungen noch sehr viel beibringen können: «Johann hat den Fussball unter der Haut. Er wird wie früher das taktische Gehirn und der Leader der Mannschaft sein.»
«Das Comeback Vogels ist eine hochspannende Geschichte»
An der Europameisterschaft 2004 war Jörg Stiel Captain der Schweizer Nationalmannschaft, und Johann Vogel sass im Spielerrat. «Er war schon damals eine grosse Persönlichkeit und ein Leader», erinnert sich der Moderator des Fussballtalks «Kick it!» im Schweizer Sportfernsehen (SSF). «Das Comeback von Johann ist für mich eine hochspannende Geschichte», sagt Stiel. Der Mannschaft von GC fehle die klassische Nummer 6 vor der Abwehr. «Keiner kann diese Rolle besser spielen und interpretieren als Johann.» Vogel sei in seiner Karriere noch nie ernsthaft verletzt gewesen. Und nach einer zweieinhalbjährigen Auszeit sei er auch nicht verbraucht. «Wenn die jungen Spieler von GC kapieren, was sie von Johann alles lernen können, dann wird das eine sehr wertvolle Erfahrung für sie», sagt Stiel.
«Es wäre grotesk, wenn es Probleme gäbe»
Der ehemalige Nationalspieler Raimondo Ponte denkt ähnlich wie FCZ-Sportchef Fredy Bickel. «GC will ein Ausbildungsklub sein und setzt jetzt auf einen bald 35-jährigen Spieler. Dass passt irgendwie nicht zusammen», sagt der heutige Trainer des FC Chiasso. Ansonsten gibt Ponte dem Experiment Vogel eine gute Chance. «Man kann nicht nur mit jungen Spielern Erfolg haben. Deshalb wird die Routine und die spielerische und die taktische Klasse von Vogel für den Verein noch sehr viel bringen», ist der Aargauer überzeugt. Die junge Mannschaft von GC habe in der Vergangenheit immer wieder Lehrgeld bezahlen müssen. Ponte denkt auch nicht, dass es zwischen GC-Trainer Ciri Sforza und Johann Vogel Probleme geben könnte. «Es war ja Ciris Idee, Vogel zurückzuholen. Da wäre es ja geradezu grotesk, wenn es zwischen diesen beiden Schwierigkeiten geben würde.» Ob das Experiment gelinge, hänge einzig und alleine mit der Fitness von Vogel zusammen. «Wenn er physisch wieder seine alte Stärke erreicht, dann wird GC noch sehr viel Freude an Johann haben.»
«Die Jungen werden Vogel genau beobachten»
Heinz Hermann, mit 117 Länderspielen Schweizer Rekordinternationaler, spricht von einem reizvollen Comeback Vogels. «Ich finde die Idee nicht schlecht», sagt der Zürcher. GC sei zwar ein Ausbildungsklub. «Aber zu dieser Ausbildung kann ein so routinierter Spieler wie Johann Vogel einiges beitragen.» Wenn Vogel ein Leader sei und den Draht zu den jungen Spielern finde, könne das Experiment durchaus Erfolg haben. «Allerdings wird auch Johann unter Beobachtung stehen. Die jungen Spieler werden genau hinschauen, was er macht oder eben nicht macht», glaubt Hermann. Auch Vogel müsse Leistung bringen, daran werde er letztendlich gemessen. Man dürfe allerdings nicht unterschätzen, dass Vogel während zweieinhalb Jahren nicht mehr gespielt habe. «Es wird eine Zeit dauern, bis er wieder seinen Rhythmus gefunden hat.» Hermann spricht aus eigener Erfahrung. «Als ich ein halbes Jahr nach meinem Rücktritt dann beim FC Aarau zurückkehrte, war das schwer. Man muss den Körper von null auf hundert wieder hochfahren und das war brutal», erinnert er sich.
«Auf dem Platz herrscht wieder die totale taktische Ordnung»
Johann Vogel hat die ganze Vorbereitung auf die Rückrunde mitgemacht. «Johann wird für den Verein und die ganze Liga eine Bereicherung sein», prophezeit Trainer Ciri Sforza. Vogel habe in den Testspielen bereits die Führungsrolle übernommen. «Johann dirigiert, treibt an, korrigiert. Auf dem Platz herrscht wieder die totale taktische Ordnung», lobt Sforza. Vogel sei zwar physisch noch nicht ganz so weit. «Aber das ist nach einer schöpferischen Pause von über zwei Jahren nur normal», so Sforza. Er zweifle nicht eine Sekunde daran, dass das Comeback von Vogel gelingen könnte.
Quelle: Tagesanzeiger Online vom 01. Februar 2012